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Chemotherapie – ja oder nein?
Bei etwa 57.000 Frauen wird jährlich in Deutschland die Diagnose Brustkrebs gestellt. Dank des bundesweiten Screenings und eines steigenden Brustbewusstseins werden Brustkrebserkrankungen in einem frühen Stadium diagnostiziert. Durch adjuvante medikamentöse Therapien wie Chemotherapie, Antihormontherapie und Antikörpertherapie sollen Tumorzellen, die schon in den Körper gestreut haben, abgetötet werden, um das Rezidivrisiko zu reduzieren. Ein wichtiges Ziel der modernen Brustkrebsbehandlung ist es, Art und Ausmaß der Therapien auf die einzelne Patientin anzupassen. Der Weg zur individualisierten Krebstherapie erfordert, den voraussichtlichen Krankheitsverlauf für eine Patientin besser abschätzen zu können. Wegen fehlender Faktoren, die das individuelle Rückfallrisiko exakt voraussagen, werden allerdings bis zu 80 Prozent der Frauen übertherapiert. Die Therapieentscheidung für die jeweilige Patientin ist damit sehr unbefriedigend, und zusätzliche Informationen über die Biologie des jeweiligen Tumors sind notwendig. Ziel ist es, diejenigen Patientinnen zu identifizieren, denen aufgrund ihres niedrigen Rezidivsrisikos eine adjuvante Chemotherapie erspart werden kann.
Das Brustzentrum Halle (Saale) am Universitätsklinikum Halle (Saale) ist seit Januar 2004 als erstes Brustzentrum in den neuen Bundesländern zertifiziert. Das Forschungslabor der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie mit zwei Biologen und zwei MTAs gewährleistet die Umsetzung von Forschungsergebnissen in den klinischen Alltag. Zu diesen Aufgaben gehört die Tumortestung auf die Prognosefaktoren uPA/PAI-1 zur Therapieentscheidung bei Brustkrebspatientinnen ohne Lymphknotenbefall. Das Tumor assoziierte Protein uPA (Plaminogen-Aktivator vom Urokinasetyp) und sein Inhibitor PAI-1 spielen eine wesentliche Rolle beim Eindringen von Tumorzellen in das umgebende Gewebe und der daran anschließenden Metastasierung. Basierend auf den uPA/PAI-1-Werten der Tumoren von Mammakarzinompatientinnen wurden in den letzten 20 Jahren mehrere klinische Studien durchgeführt. Es wird immer wieder bestätigt: Erhöhte Werte der Invasionsmarker uPA und/oder PAI-1 korrelieren mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf. Patientinnen mit uPA- und PAI-1-Werten unterhalb des Schwellenwertes haben ein vergleichsweise sehr niedriges Rezidivrisiko von unter zehn Prozent in zehn Jahren (Schwellenwerte: uPA: ≥ 3 ng/mg Gesamtprotein, PAI-1: ≥ 14 ng/mg Gesamtprotein). Durch die Risikoabschätzung mithilfe der uPA/PAI-1-Werte können etwa 40 Prozent der Patientinnen auf eine Chemotherapie verzichten.
Verschiedene Gremien auf nationaler und internationaler Ebene nehmen seit 2002 uPA/PAI-1 als Prognosemarker in ihre Empfehlungen für die Therapie des nodalnegativen Mammakarzinoms auf (USA: ASCO Guidelines 2007, Deutschland: Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie seit 2002, Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft seit 2008).
Für die Bestimmung der uPA/PAI-1-Werte wird repräsentatives Tumorgewebe (100 bis 400 mg Frischgewebe aus dem Operationspräparat oder Frischgewebe aus drei Stanzbiopsien) aus dem Primärtumor der Brust entnommen, schockgefroren und an das Labor weitergeleitet. Das Gewebe wird im gefrorenen Zustand zerkleinert, die Proteine in Lösung gebracht und die Konzentrationen von uPA und PAI-1 mittels ELISA-Test bestimmt. Etwa eine Woche nach der Operation erhalten die Kliniker die Laborberichte, die gemeinsam im Konsil der Gynäkologen, Radiologen und Pathologen besprochen werden. Schon vor der Operation sollte anhand der präoperativen Befundung aus logistischen Gründen eine eventuelle uPA/PAI-1-Testung veranlasst werden.
Die Bestimmung der Invasionsmarker uPA und PAI-I bieten wir deutschlandweit an. Der Test wird von den gesetzlichen Kassen bislang (noch) nicht bezahlt, bei uns im Haus bieten wir ihn unseren Patientinnen als Service des Brustzentrums an.
Eine Entscheidung für oder gegen eine adjuvante Chemotherapie sollte heutzutage bei Patientinnen über 35 Jahre mit der Brustkrebsdiagnose „pN0 G2 HER2 negativ“ nicht mehr ohne das Ergebnis des uPA/PAI-1-Testes getroffen werden. Liegt bei diesen Patientinnen das Testergebnis unterhalb der Schwellenwerte von uPA und PAI-1, kann auf eine Chemotherapie verzichtet werden. Bei einem Testergebnis oberhalb des Schwellenwertes wissen die Patientinnen, dass ihnen die Chemotherapie einen großen Nutzen in Bezug auf ihr krankheitsfreies und Gesamtüberleben bringen wird.
Prof. Dr. med. Christoph Thomssen Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Gynäkologie Dr. rer. nat. Martina Vetter Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor Forschungslabor Gynäkologie, FG 5 – EO1 Ernst-Grube-Straße 40 06120 Halle (Saale) Telefon: 0345 5571336 Fax: 0345 5572980 E-Mail: martina.vetter@medizin.uni-halle.de
Verwendung des uPA/PAI-1 Tests zur Abschätzung des Rezidivrisikos nodalnegativer Mammakarzinompatientinnen. Schwellenwerte für uPA: ≥3 ng/mg Gesamtprotein, PAI-1: ≥ 14 ng/mg Geamtprotein. Ein niedriges Rezidivrisiko kann voraus gesagt werden, wenn beide Proteine im Primärtumor unterhalb der jeweiligen Schwellenwerte liegen. Es besteht ein erhöhtes Rezidivrisiko, wenn auch nur einer der Werte oder beider erhöht sind.
Zeitplan für die Planung der uPA/PAI-1-Testung Erstkontakt der Patientin beim Niedergelassenen Überweisung an die Klinik Aufklärung über die uPA/PAI-1-Bestimmung präoperative Diagnostik, Asservierung von Frischgewebe aus Stanzbiopsien OP, Asservierung von Tumorfrischgewebe Histologiebefund, bei G2-Tumoren uPA/PAI-1-Bestimmung veranlassen Befundbesprechung im Tumorboard und mit der Patientin
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