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Die Vorsitzende der Klötzer Selbsthilfegruppe, Erika Blenk, im Interview
Die 66-jährige Erika Blenk ist die Vorsitzende und Gründungsmitglied der Selbsthilfegruppe Krebs in Klötze. In diesem Sommer feiert die Gruppe ihr zehnjähriges Bestehen. Aus Anlass zum Weltkrebstag am 4. Februar sprach Erika Blenk mit der Volksstimme-Redakteurin Ina Bongartz über die Arbeit in der Gruppe.
Volksstimme: Frau Blenk, der Weltkrebstag ist von der Weltgesundheitsorganisation mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, Krebserkrankungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, öffentlich über Krebs zu sprechen?
Erika Blenk: Weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass am Anfang – wenn man erfahren hat, dass es Krebs ist – viele Leute einen Bogen um den Betroffenen machen. Sie scheuen den Umgang mit dem Krebserkrankten. Es ist daher umso wichtiger zu zeigen, dass Krebs nicht gleichbedeutend mit Tod ist. Es ist möglich, mit ihm zu leben.
Volksstimme: Inwieweit kann es den Betroffenen helfen, dieses Thema im Gruppenverband zu behandeln?
Erika Blenk: Zum einen, weil man in der Gruppe über wirklich alles sprechen kann. Jeder bringt seine Erfahrungen ein, das ist sehr wertvoll und baut immer wieder auf. Zum anderen wird man im positiven Sinne gezwungen, aktiv zu werden, auch mal rauszugehen, hin zu den Treffen.
Volksstimme: Ihre Gruppe gilt als eine der aktivsten Selbsthilfegruppen des Altmarkkreises Salzwedel. Welcher Aspekt Ihrer Arbeit ist dabei am wichtigsten?
Erika Blenk: Wir sprechen bei unseren Treffen nicht nur über den Krebs, sondern sind auch kreativ. Wir basteln zum Beispiel. Das lenkt ab, und am Ende des Treffens ist es ein schönes Gefühl, dass jeder etwas in der Hand hat. Es zeigt, wir können doch noch was. Auch ein wichtiger Teil sind die Übungen mit klingenden Chi-Gong-Kugeln. Wir haben extra einen Gruppensatz angeschafft, damit wir gemeinsam die Fingerübung machen können. Das wird sehr gut angenommen. Zudem unternehmen wir, soweit es uns möglich ist, Ausflüge. Zum Beispiel zum Rehatag nach Kalbe oder zum Gesundheitstag nach Stendal.
Volksstimme: Was sagen Sie den Menschen, die zum ersten Mal zu einem Treffen Ihrer Gruppe kommen?
Erika Blenk: Bevor ein neues Mitglied zu den Gruppentreffen kommt, lade ich es zu mir nach Hause ein. Viele kommen mit falschen Vorstellungen zu uns, meinen, wir könnten ihnen bei den Behörden finanzielle Hilfe verschaffen. Natürlich kann ich bei entsprechenden Anträgen behilflich sein. Doch in unserer Gruppe geht es um Verarbeitung. Wenn jemand Neues dann dazukommt, muss er auch offen dafür sein, sich vorstellen und seine Geschichte kurz erzählen. Danach tun es ihm die anderen Mitglieder gleich.
Volksstimme: Jahr für Jahr erkranken viele hundert Menschen an einer Form von Krebs, doch nur die wenigsten nehmen das Angebot einer Selbsthilfegruppe an. Was kann Ihrer Meinung nach eine Selbsthilfegruppe leisten, was Familie und Freunde nicht leisten können?
Erika Blenk: Wer eine gute Familie im Hintergrund hat, die mit der Krankheit umgehen kann, braucht vermutlich unsere Selbsthilfegruppe nicht. Doch unter unseren Mitgliedern sind viele alleinstehend. Derzeit sind wir zwölf Frauen. Wir brauchen uns gegenseitig, es entstehen Freundschaften. Zu unseren Ausflügen oder Feiern sind immer auch Freunde eingeladen, sodass ein schönes Gruppenerlebnis entsteht. Und bei allem ist eines ganz wichtig: Alles, was innerhalb der Gruppe besprochen wird, bleibt unter uns und findet auf keinen Fall den Weg an dritte.
Volksstimme: Alle Mitglieder Ihrer Selbsthilfegruppe sind schwer erkrankt und haben dunkle Zeiten hinter sich oder durchleben sie gerade. Wie gelingt es Ihnen dennoch, sich bei Ihren monatlichen Treffen eben nicht gegenseitig runterzuziehen, sondern Kraft und Hoffnung zu spenden? Woher nehmen Sie die Energie?
Erika Blenk: Vielleicht ist es gerade diese Leidensgemeinschaft, die uns hilft, stark zu sein. Doch es ist nicht immer leicht. Zum Beispiel ist es immer wieder besonders bitter, wenn wir einen Todesfall in der Gruppe haben. Darum bin ich seit längerem bestrebt, einen Psychoonkologen zu uns einzuladen, der uns bei diesem Thema helfen könnte. Doch wir wohnen hier in einem so ländlichen Gebiet, dass es sogar kaum Onkologen gibt. In einer Großstadt wäre dies sicher einfacher.
Volksstimme: Aus Ihrer Erfahrung in der Selbsthilfegruppe heraus: Wie stark geben sich die Betroffenen selbst Schuld an der Krankheit, meinen, bei einem anderen Lebenswandel wäre der Krebs weggeblieben? Wie meistern sie die zwanghafte Frage nach dem „Warum ich“?
Erika Blenk: Die Schuldfrage stellt sich bei Krebs nicht. Warum er ausbricht, wann und in welcher Form, ist einfach nicht zu beeinflussen. Nicht nur der Körper, auch die Psyche spielt dabei eine große Rolle.
Volksstimme: Zum Abschluss noch die Bitte um einen persönlichen Tipp: Mit welchem Ritual schaffen Sie es persönlich, die besonders dunklen Phasen Ihrer Krankheit zu überstehen?
Erika Blenk: Ich befinde mich derzeit gerade in einer dunklen Phase. Der Winter zwingt mich, in der Wohnung zu bleiben. Ich kann nicht raus, das ist sehr schlimm für mich und zieht mich runter. Ein Ritual dagegen habe ich eigentlich nicht. Doch dass ich heute Nachmittag trotz des Wetters zu unserem Gruppentreffen gehen kann, erfüllt mich mit Freude.
Volksstimme: Frau Blenk, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Quelle: Volksstimme, Klötzer Rundschau vom 4. Februar 2010
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