LEBEN Mitteilungsblatt
der Krebsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V.

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Inhaltsverzeichnis 02-2010

Die Seelsorge im Hospiz Halle (Saale)
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Ein Tag im Leben eines Seelsorgers im Hospiz


„Es beginnt häufig mit einer Idee, für die sich Menschen begeistern und für die sie sich einsetzen. So auch in Halle (Saale), wo die Hospizbewegung eng mit dem Namen eines Mannes, Heinrich Pera, verknüpft ist. 1975 begann er seinen Dienst als Klinikseelsorger in den staatlichen Krankenhäusern von Halle (Saale).“ Internetseite Hospiz Halle (Saale)

Mit einigen wenigen Mitstreitern be­gann er bereits 1985 im St. Elisabeth Krankenhaus einen ambulanten Hospizdienst aufzubauen. Gleich nach der Wende wurde ein Hospizhausbetreuungsverein gegründet und 1996 das stationäre Hospiz in den jetzigen Räumen in der Taubenstraße erworben. Das Hospiz bietet einen Lebensraum für Men­schen, die durch eine fortgeschrittene und weiter fortschreitende Erkrankung eine begrenzte Lebenserwartung haben.

Im März 2004 verstarb Heinrich Pera. Sein Tod war ein Einschnitt in vielfacher Hinsicht: strukturell war ein Neubeginn notwendig. Mit ihm starb nicht nur der Gründer, sondern auch der geistige, geistliche und organisatorische Leiter. Die Struktur hatte sich bisher an seiner charismatischen Persönlichkeit ausgerichtet. Die Geschäftsführung hatte er bereits im Juli 2003 an seine Nachfolger übergeben. Doch wie sollte das entstandene Vakuum im Bereich der Hospizidee und der spirituellen Arbeit gefüllt werden? Im Herbst 2004 wurde ich von den beiden Geschäftsführern des Hospizes gefragt, ob ich mir eine stundenweise Mitarbeit als Seelsorger in der Arbeit vorstellen könnte. Heinrich Pera war ein guter Freund von mir und wir haben in der gemeinsamen Tätigkeit in der katholischen Gemeinde Heilig Kreuz (er im Nebenamt und ich als Pfarrer) oft über das Hospiz, die Entwicklung, die Widerstände und seine Erfahrungen in der Sterbebegleitung gesprochen. Bei meiner persönlichen und beruflichen Entwicklung konnte ich mir eine solche Aufgabe vorstellen. Mein Bischof gab die Erlaubnis und übernahm die Kosten.
Seit 1978 bin ich in verschiedenen Gemeinden als Priester tätig gewesen, so in Torgau, Salzwedel und Weißenfels. Seit 1989 bin ich in Halle (Saale): bis 1999 als Studentenpfarrer und Pfarrer von Wettin, seit 1995 zusätzlich als Pfarrer von Heilig Kreuz und seit 2002 mit einer völlig neuen Aufgabe, nämlich als Landespolizeipfarrer und Notfallseelsorger.

Für die sehr unterschiedlichen Anforderungen in den letzten 20 Jahren war es mir sehr wichtig, mich immer wieder fortzubilden: so in Planung und Leitung, in Kommunikation und in einer viereinhalb jährigen Ausbildung zum Gestalttherapeuten. Für die Aufgaben bei der Polizei und in der Notfallseelsorge war eine Fortbildung in Krisenmanagement und CISM (Critical Incident Stress Management) notwendig. Letzteres ist eine Befähigung zur Nachbearbeitung belas­tender Einsätze bei Rettungskräften.
Die Krisenintervention in der Notfallseelsorge befasst sich mit der Stabilisierung von traumatisierten Menschen. Traumatisiert, das heißt seelisch verwundet, werden Menschen bei Tod im häuslichen Bereich, bei Unfällen, Suizid oder als Opfer krimineller Handlungen. Aber auch die Diagnose „Krebs“ oder die Krebsbehandlung stellt meist eine Traumatisierung dar. Das gilt für die Krebs­patienten ebenso wie für ihnen nahestehende Personen wie Partner, die Familie oder ihre Freunde. „Krebskranke Menschen gestalttherapeutisch zu begleiten heißt, in der Begegnung nicht eine Krankheit kurieren zu wollen, sondern die Seele in ihrem Wachstum zu unterstützen.“ (M. Pröpper) Und genau das ist auch Hintergrund der Hospiz­idee. Mit der Diagnose ist das Leben nicht beendet, sondern es beginnt die letzte Lebensphase. Sterben ist ein Teil des Lebens – also Leben. Hospizidee bedeutet die Auseinandersetzung mit den Themen Sterben, Tod und Trauer – im Leben.
Damit dies auch so erfahren werden kann, ist es wichtig, Traumatisierten und ihren Nahestehenden behilflich zu sein, das Leben im Rahmen der Möglichkeiten zu gestalten. Dazu gehört der Abschied von lieben Menschen genau so wie der liebevolle Blick auf das eigene Leben mit seinen Brüchen und Erfolgen, seinen zerronnen Chancen und erfüllenden Augenblicken. Es gehört der Genuss und die Freude in die letzte Lebensphase. Aber auch die Trauer über das Ende und die Aggression, ausgelöst durch die Krankheit, das Sterben und den nahen Tod, gehören selbstverständlich auch dazu. Die „negativen“ Gefühle zu ermöglichen und mit auszuhalten ist eine Aufgabe in der Sterbebegleitung. Es hat sich gezeigt, dass die Gäste des Hospizes relativ spät nach der Diagnosestellung in unsere Einrichtung kommen. Ein langer Prozess der Auseinandersetzung hat oft schon stattgefunden. So sind die Themen deutlich andere als in der Krankenhausseelsorge.

Am Anfang meiner Tätigkeit im Hospiz stand der Wunsch der Mitarbeiter, wieder jemanden zu haben, der für die Bereiche Hospizidee und Seelsorge zuständig ist. Die Erwartungen an mich waren sehr hoch. Das drückte sich auch in der Vorstellung meiner Person im Mitarbeiterkreis durch die Leitung aus. Die Worte habe ich noch gut im Ohr: „Jetzt haben wir wieder eine Seele“. Doch dagegen konnte ich mich nur vehement zur Wehr setzen. Die „Seele“ oder der „Geist“ einer Einrichtung wird durch alle Mitarbeiter geprägt und nicht durch eine einzelne Person. Die letzten Jahre waren für mich ein langer und nicht immer leichter Lernprozess. Ich musste meine Aufgabenfelder finden, sehen was notwendig ist, was ich tun kann oder muss und was andere besser können als ich.

In all meinen Arbeitsgebieten habe ich es mit dem Durchschnitt der Bevölkerung der Region zu tun; das sind hier zu 80 Prozent Nichtchristen. Wer braucht mich als Seelsorger, wer als Therapeuten? Wer braucht mich als Theologen oder einfach als spirituelles Gegenüber? Glaubensgespräche sind eher die Seltenheit, jedoch Gespräche zu spirituellen Fragen sind an der Tagesordnung. Spiritualität ist kein Glaubensbekenntnis. Spiritualität bezeichnet eine Geis­teshaltung, die jedem Menschen zu eigen ist. Jeder Mensch hat eine Geis­teshaltung, aus der er sein Leben gestaltet und deutet. Und hier bin ich Lernender und Beschenkter. Sterbende halten Lebensbilanz am Ende ihrer Tage. Sie wollen ihr Leben deuten, sie wollen verstehen, was gewesen ist, was sie erreicht haben, was gelungen oder miss­lungen ist. Dies ist eine notwendige Auseinandersetzung um abzuschlie­ßen, zu klären, letztlich sich zu verabschieden. Dabei wird deutlich woraus sie gelebt haben, was ihnen wichtig war, woran sie geglaubt haben.
Das Leid der Angehörigen, ihre Vor-Trauer und das schmerzhafte Loslassen fordern mir oft großen Respekt ab. Meine Arbeit mit Trauernden zeigt mir eine Fülle von Bewältigungsstrategien angesichts eines schweren Verlustes, aber auch viele Deutungsversuche auf christlichem oder nichtchristlichem Glaubenshintergrund.
In der „Seelsorge“ im Hospiz bin ich einer von vielen. Etwas über 100 Menschen arbeiten im Halleschen Hospiz. Davon sind ein Fünftel hauptamtlich und vier Fünftel ehrenamtlich tätig. Die Sorge um die verwundete Seele ist allen gemeinsam. Die meisten Ehrenamtlichen sind im ambulanten Bereich tätig und einige regelmäßig im stationären Hospiz. In der Begegnung mit den Hospizgästen und deren Angehörigen findet Seelsorge von haupt- und ehrenamtlichen in der Situation statt, in Handreichungen, in der Pflege, im Gespräch, im Zuhören, im Dasein, in der Haltung. Dabei bringen alle ihre spezifischen Fähigkeiten und Geisteshaltungen mit ein.

Trotz aller Individualität ist es wichtig, sich immer wieder gemeinsam Gedanken zu machen über die Spiritualität der Hospizarbeit und zu suchen, aus welcher Geisteshaltung unsere Arbeit leben könnte. Das ist eine wichtige Frage in der Ausbildung und in der ständigen Fortbildung. Wichtige Geisteshaltungen sind unter anderen: Achtsamkeit, Menschenliebe, Mitgefühl, Vertrauen, Lebenslust, Glaubwürdigkeit, Ehrfurcht, Nähe und Distanz, Respekt und viel Demut.

Ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist für mich die Trauerarbeit mit Angehörigen geworden. Das Hospiz bietet diesen kostenlosen Dienst allen Trauernden an – also auch Trauernden, die nicht einen Angehörigen im Hospiz verloren haben. So finden viele Einzelgespräche und auch Trauerbegleitung in der Gruppe statt. Trauernde haben hier die Chance ihren Trauerprozess bis zu einem Jahr begleiten zu lassen. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Aus- und Fortbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Trauer- und Sterbebegleitung.

Ich sollte einen Tag im Leben eines Seel­sorgers im Hospiz beschreiben. Aber jeder Tag sieht anders aus und die Schwerpunkte meiner Tätigkeit haben sich im Lauf der Jahre verändert. Im Wesentlichen besteht heute meine Arbeit in der Sterbebegleitung nur noch ausschließlich in Situationen, wo intensive Gespräche und ein Theologe gefragt sind sowohl bei Sterbenden wie auch bei ihren Angehörigen.

Seelsorger Gerhard Packenius
Hospiz am St. Elisabeth-Krankenhaus Halle gGmbH
Taubenstraße 25-28
06110 Halle (Saale)
Tel.: 0345 225450, Fax: 0345 2254555